Meine jüdischen Eltern, meine polnischen Eltern
Ich wurde etwa 1940 im Ghetto in Białostok geboren. Das ist alles, was ich über mich weiß. Jahrelang habe ich versucht zu erfahren, wer ich bin – und bin auf keine einzige Spur gestoßen.
Meine Mutter brachte mir bei, den Menschen nicht offen ins Gesicht zu sehen. Jahre später erst erfuhr ich, dass die Erpresser die Juden an ihren Augen erkannten.
Ich war etwa ein Jahr alt, als meine polnische Mutter Marianna Siwińska mich aus dem Ghetto holte. Mehrere Jahre lang erzog sie mich gemeinsam mit Władysław Wielesikiem, der, wie sie mir sagte, mein Patenonkel sei. Später trennten sie sich. Sie war für mich eine richtige Mutter und liebte mich wie ihren eigenen Sohn. Sie arbeitete schwer, um uns zu ernähren. Wir lebten in Armut. Meine Mutter nahm in die Arbeit trockenes Brot mit, damit ich eine Butterstulle essen konnte. Sie war eine kluge und gute Frau. Aber ich wusste das nicht zu schätzen; ich lief von Zuhause weg, weil ich nicht lernen wollte. Mit 13 Jahren ging ich zur Arbeit. Die Schulbildung habe ich dann nachgeholt, als ich bereits Frau und Kind hatte.Ich sah überhaupt nicht aus wie die anderen Kinder. Ich hatte dunkle Augen und schwarze Haare, dunkler als ein Rabe – wie sie mich auslachten. Auf dem Hof riefen sie mir „Jude!” nach. Meine Mutter beschwerte sich bei ihren Eltern und das half. Ich hatte mir schon gedacht, dass ich ein Adoptivkind war, aber darüber gesprochen haben wir zu Hause nie. Als ich noch ein Kind war, interessierte es mich nicht, und als ich älter wurde, wartete ich darauf, dass mir meine Mutter von sich aus die Wahrheit sagen würde. Die Jahre vergingen, meine Arbeit, meine Fortbildung und die Familie waren wichtiger als meine Herkunft. Mein Leben war geordnet, aber der Gedanke, wer ich denn wirklich sei, ließ mir keine Ruhe. Der Ziehvater, der mich zusammen mit meiner Mutter aus dem Ghetto geholt hatte, lebte bereits nicht mehr. Also fragte ich die Familie und die Nachbarn. Aber ich erfuhr nichts weiter, als dass man mich aus dem Ghetto geholt hatte und dass meine Mutter zu Hause Dokumente in hebräischer Schrift gehabt habe, und sie diese Papiere 1968* verbrannt habe. Gegen Ende ihres Lebens wurde meine Mutter krank. Sie wollte nichts essen und ich befürchtete, sie würde verhungern. Ich bat und bettelte, redete ihr gut zu und schrie sie sogar an. Als ich wieder einmal laut wurde, sagte sie: „Was brüllst Du mich an, warum hasst Du mich so? Wenn ich nicht gewesen wäre, hätte Dich der Deutsche längst umgebracht.“
Zbigniew Siwiński
arbeitete nach Abschluss des Polytechnikums in Białstok im Bauwesen. Er ist Mitglied der Gesellschaft „Kinder des Holocaust” in Polen und Hauptheld des Dokumentarfilms „Ja, bezimienny” [poln. „Ich, N.N.”]. Er hat eine Tochter und drei Enkelinnen.
Eltern
Marianna
Siwińska
(1906–1994)
Sie hatte kein eigenes Kind, aber sie war eine großartige Mutter.
Władysław
Wielesik
(1907–1985)
Er nannte mich zwar seinen Pflegesohn, war aber damit einverstanden, dass ich ihn Papa nannte. Dabei blieb es sogar, als er eine neue Familie gründete.