Meine jüdischen Eltern, meine polnischen Eltern
Ich wusste, dass meine Eltern nicht lebten; denn sonst hätten sie mich gefunden. Für ihr Kind ginge eine Mutter sogar durch die Hölle
Wer meine biologischen Eltern waren, kann ich mir aus zufällig aufgeschnappten Sätzen nur zusammenreimen. Ich nehme an, dass ich das Kind eines der Teilhaber meines polnischen Vaters bin, der Mitbesitzer einer Gerberei in Warschau war. Als die jüdischen Eltern ins Ghetto mussten, versuchte mein [polnischer] Vater, sie zu retten. Zuerst nahm er mich mit. Als er zurückkam, um auch sie zu holen, war niemand mehr da.
Mamma wiederholte immer wieder: „Nicht die ist Mutter, die Dich geboren, sondern die, die Dich erzogen hat.“
Sie war eine gebildete Frau. Vor dem Krieg hatte sie ein Geschichtsstudium und ein Studium für Sozialwissenschaften abgeschlossen, war aber der Ansicht, dass die Aufgabe Mutter zu sein, sie am vollständigsten erfüllte. Ich habe sie nie nach meinen leiblichen Eltern gefragt. Ich wusste, dass ich meine Mutter schmerzlich verletzen würde, sollte ich sie daran erinnern, dass nicht sie mich geboren hatte. Ich ähnelte meinen Eltern überhaupt nicht; beide hatten helle Haare, während ich dunkeläugig und schwarzhaarig war. Mamma versuchte meine Zweifel zu zerstreuen und erzählte mir, ich hätte mein Aussehen von einer Großmutter geerbt. Ich wurde wie eine Prinzessin erzogen. Ich hatte keine Pflichten im Haus. Ich musste nicht aufräumen, ich musste mein Bett nicht machen, ich musste nicht kochen – ich musste nur lernen. Meine Eltern sparten nicht an meiner Erziehung. Ich ging auf eine Privatschule, die von Felizianerinnen geführt wurde. Es war dafür gesorgt, dass ich Fremdsprachen lernte. Obwohl ich in der Schule Englisch lernte, kam zusätzlich eine Englischlehrerin ins Haus. Später zog eine Mieterin ein, die nur Englisch mit mir sprach. Bei der Schwester meiner Mutter, die ebenfalls bei uns wohnte, lernte ich zusätzlich Russisch. Dank meinen Eltern hatte ich so einen zweiten Beruf, d.h. ich arbeitete auch als Reiseleiterin bzw. Fremdenführerin. Für meine Eltern war ich ihr eigenes Kind, und ich fühlte auch stets, dass ich ihre Tochter war. Sie gaben mir das Gefühl, in Sicherheit, geschützt und geliebt zu sein. Ihre Belohnung war das Bewusstsein, mich gut erzogen zu haben. Als ich im vergangenen Jahr meine Auszeichnung empfing, dachte ich an sie. Ich weiß, dass sie stolz auf mich gewesen wären. Man kann ein Adoptivkind wie sein eigenes lieben. Ich habe das als Kind und als Mutter erfahren. Ich habe einen Adoptivsohn, der als Jugendlicher in unsere Familie kam. Meine Adoptiveltern waren großartige Menschen. Von ihnen erhielt ich nur das Beste. Aber meine eigenen Wurzeln, meine tatsächliche Familie, den Platz in der Geschichte des jüdischen Volkes konnten sie mir nicht geben. Menschen ohne Wurzeln haben es schwer im Leben.
Elżbieta Brzuska-Wojciechowska
schloss ein Jurastudium an der Warschauer Universität ab, arbeitete alsGerichtskuratorin sowie als Fremdenführerin und Übersetzerin für Touristen. Sie ist Gründungsmitglied der Gesellschaft „Kinder des Holocaust“ in Polen. Sie wurde 2014 mit der Medaille „Pro Memoria“ und der Auszeichnung „Für Verdienste um Warschau“ geehrt. Sie hat drei Söhne und fünf Enkelkinder.
Eltern
Halina Brzuska
geb. Syska
(1907–1984)
Während der Besatzungszeit erteilte sie geheimen Unterricht, nach dem Krieg arbeitete sie in der Registratur einer Poliklinik. Sie war makellos anständig und kümmerte sich um jeden und jede in ihrer Umgebung.
Stanisław
Brzuski
(1903–1966)
war Chemieingenieur. Er war ein großartiger Vater, er brachte mir täglich Süßigkeiten mit und verwöhnte mich, ich war wirklich Papas Liebling.