Meine jüdischen Eltern, meine polnischen Eltern
Ich bin ein Kind, das 1942 in einem Koffer aus dem Warschauer Ghetto gebracht wurde. Damals war ich etwa zwei Jahre alt
Herausgetragen hat mich mein leiblicher Vater durch einen unterirdischen Gang, den die Jüdische Kampforganisation (ŻOB) gegraben hatte. Er führte vom damaligen Muranowski-Platz im Ghetto zum Reparaturkanal im Straßenbahndepot in der Sierakowska-Straße 7, d.h. etwa dorthin, wo sich heute das Intraco-Hochhaus auf der Stawki-Straße befindet. Mein Vater übergab den Koffer, in dem ich mit verklebtem Mund schlief, Kazimiera Ciarkowska, der Frau eines Arbeiters im Straßenbahndepot. Er bat sie, das Kind nur eine Nacht lang aufzunehmen. Die Deutschen würden alle Juden aus dem Ghetto deportieren und er müsse zurück zu seinem siebenjährigen Sohn Salek. Er versprach, am nächsten Tag wiederzukommen. In der Eile konnte er ihr nur noch sagen, dass ich Pola hieße. Am nächsten Tag kam mein Vater nicht. Die Zeit verging und es kam niemand, um mich abzuholen.
Meine Adoptivmutter pflegte oft zu sagen: „Ich hab' keinen Pfennnig für dich gekriegt. Du bist mir untergeschoben worden.“
Die Familie Ciarkowski und die Familie Janus, die in derselben Wohnung untergekommen war, hatten Angst, ein jüdisches Kind aufzunehmen. Herr Janus wollte mich sogar an die Ghettomauer legen. Damals haben mich viele Familien versteckt, aber keine wollte mich behalten. Zum Schluss landete ich wieder bei Frau Ciarkowska. Als der Aufstand im Ghetto ausbrach, war endgültig klar, dass mich niemand mehr abholen würde. Am 7. Mai 1943 stellten die Salesianerpatres in der Herz-Jesu Basilika in Warschau-Praga eine Geburtsurkunde aus auf den Namen Teresa Ciarkowska, geb. den 23. Dezember 1939. Und so blieb ich ohne Identät, ohne tatsächliches Geburtsdatum und ohne tatsächlichen Namen. Nach dem Zusammenbruch de Warschauer Aufstands kam ich mit Mutter Ciarkowska ins Lager in Pruszków. Ihr Mann lebte damals bereits nicht mehr. Von dort wurden wir ins Zwangsarbeitslager Offenbach bei Frankfurt am Main gebracht. Nach der Befreiung kehrten wir nach Warschau zurück. Dort besuchte uns 1946 ein Unbekannter. Ich hörte, wie meine Mutter mit meiner Tante über ihn sprach. Sie sagte, er sei ein Jude, der nach jüdischen Kindern suche. Einige Jahre später, als ich meine Geschichte schon kannte, sagte sie, dass sie mich – wenn schon – dann höchstens Verwandten von mir zurückgegeben hätte. Sie war keine zärtliche Mutter, sie spielte nicht mit mir und sie nahm mich mich nicht in die Arme; aber ich hatte ein Dach über dem Kopf, Essen und etwas zum Anziehen. Sie sorgte auf ihre Art für mich. Sie schickte mich in eine Schneiderlehre, damit ich einen praktischen Beruf hatte und unabhängig war. Es hat mir sehr geholfen, dass ich schneidern konnte. Ich nähte für mich und meine Kolleginnen und ich konnte etwas zu meinem Lehrerinnengehalt dazuverdienen. Im Laufe der Jahre hatte ich immer mehr das Bedürfnis, etwas über meine leibliche Familie zu erfahren. Ich glaubte – und glaube bis heute –, dass jemand von ihnen überlebt hat. Trotz jahrelanger Suche bin ich auf keine Spur gestoßen. In meiner Kindheit habe ich nicht erfahren, was Elternliebe ist, und das wirkte sich auch auf meine eigene Familie und auf die Beziehung zu meiner Tochter aus. Ich konnte ihr keine Gefühle zeigen wie eine gute Mutter.
Teresa Wieczorek
schloss ein Geschichtsstudium an der Schlesischen Universität in Katowice ab und unterrichtete 30 Jahre lang als Geschichtlehrerin an einer Allgemeinbildenden Oberschule. Später war sie beratende Historikerin im Amt für Kombattanten. Sie gehört der Gesellschaft „Kinder des Holocaust“ in Polen an. Sie hat eine Tochter und eine Enkelin.
Eltern
Kazimiera
Ciarkowska
(1902–1970)
Sie hatte keine Schulbildung und keinen Beruf gelernt. Um für unseren Unterhalt zu sorgen, arbeitete sie als Putzfrau in einer Baufirma.