Meine jüdischen Eltern, meine polnischen Eltern
Ich weiß nichts von mir und werde auch nie etwas über mich erfahren. Ich werde für immer N.N. sein und bleiben
Am 31. Oktober 1942 wurde ins Lubliner Waisenhaus ein Mädchen aufgenommen. Es erhielt als Geburtsdatum den 15. Januar 1941 und als Vornamen Dorota. Das war ich.
Mein Vater liebte mich und ich liebte ihn. Ich war regelrecht Papas Prinzessin
Im Januar 1943 holten mich Leokadia i Jan Zalewski aus dem Waisenhaus. Das waren meine polnischen Eltern.Ich kam eher zufällig zu ihnen; denn die Frau, die mich eigentlich adoptieren wollte,hatte vor ihrer Tür einen kleinen Jungen gefunden und beschlossen, ihn aufzunehmen. Als meine spätere Mutter, die in der Nähe des Heims wohnte, erfuhr, dass ich weiterhin „zu haben“ war, nahm sie mich zu sich. Dabei wollte sie – wie mir heute scheint – gar keine Mutter sein. Sie wollte ein Kind haben, um ihren Mann an sich zu binden. Sie war nicht gut zu mir, bestrafte mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit und schlug mich sogar, Mein Vater nahm mich überallhin mit. Er brachte mir das Tanzen und Singen bei – er spielte Schifferklavier und ich wirbelte im Tanz. Er lobte mich und war stolz auf mich, wie er sagte. Die Ehe meiner Eltern war nicht gut, sie trennten sich nach 14 Jahren. Nach ihrer Scheidung musste ich bei meiner Mutter bleiben. Vater zog zur Großmutter, die nur ein Zimmer hatte. Trotzdem hielt ich Kontakt zu ihm, räumte bei ihm auf, machte sauber und nahm seine Wäsche zum Waschen mit. Ich betete ihn an und er liebte mich. Als ich acht Jahre alt war, dämmerte mir langsam, dass ich ein angenommenes Kind war. Die Kinder in der Familie klärten mich auf, als sie mich „Jüdin aus der Kinderkrippe“ nannten. Mit meiner Mutter verband mich nichts, wir waren völlig verschieden. Sie war eine hübsche Frau, liebte Vergnügen und machte den Männern schöne Augen. Ich nehme an, dass sie keinen Mutterinstinkt hatte. Einmal fragte ich sie, woher sie mich genommen hätte. Ihre Antwort war, dass sie mich auf dem Müllhaufen gefunden hätte. Ich war damals schon erwachsen, aber das hat mich doch sehr getroffen. Meine Mutter wurde 88 Jahre alt. Ich habe mich bis zum letzten Tag um sie gekümmert. Ich hielt es für meine Pflicht. Sie litt an Alzheimer und war eine sehr schwierige Patientin; sie lief weg und schlug mich. Ich kam abends nach Hause und weinte vor Hilflosigkeit. Zwischen uns stand eine Mauer, aber ich war der Ansicht, dass ich mich ihrer annehmen musste, weil sie alt und krank war.
Dorota Szałajka
beendete ein Allgemeinbildendes Gymnasium und wurde Beamtin. Sie ist Mitglied der Gesellschaft „Kinder des Holocaust“ in Polen seit deren Gründung und nimmt weiterhin aktiv am Vereinsleben teil. Sie hat drei Kinder, sechs Enkelkinder und einen Urenkel.
Eltern
Leokadia Zalewska
geb. Kamińska
(1909–1995)
Meine Mutter ging nicht zur Arbeit, sie kümmerte sich um den Haushalt. Sie war eine attraktive Frau, die sich gern vergnügte.
Jan
Zalewski
(1919–1982)
Mein Vater lebt schon lange nicht mehr, aber ich liebe ihn immer noch und möchte mich an ihn schmiegen.